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Leben und andere Katastrophen

N° 01 – Vom Verkommen der Ideale

07.05.2006 by no_pulse

Nun sitze ich, als großer Freund der alternativen Szene, also tatsächlich an einem schönen Sonntag vor meinem Computer und denke über ein passendes Thema für meine Kolumne nach. Und obwohl ich mich gern schwarz kleide, bevorzugt elektronisch, verzerrten Klängen lausche und fast alle meine Freunde „Freaks“ schimpfen kann – war mein erster Gedanke, als ich heut morgen in den mit Sonne überfluteten Garten blickte, nicht: „Iiiih, Licht!“.
Wie also könnt ihr nur, ihr immer-schwarzen super-evil Wesen, euch in Jeans und einfachem Shirt auf der Straße blicken lassen? Und das auch noch am helllichten Tage? Und lachend? Ein Wunder dass euch eure mega-truen Freunde überhaupt erkannt haben „in diesem Aufzug“. Ist es nicht das, was viele von uns sich schon einmal anhören durften? Ich persönlich kann ein Lied davon singen. Eigentlich sogar mindestens 30 Stück.

Als ich damals begann, mich für die schwarze Szene zu interessieren, hat mich vor allem die Toleranz, die gewisse Abgrenzung von der Konsumgesellschaft und das harmonievolle Miteinander fasziniert.

Doch von all dem kann ich heute nicht mehr viel spüren.
Beginnen wir also mit dem sozialen Thema. Wie tolerant sind wir denn nun? Eine beträchtliche Überzahl würde dieses Frage mit „sehr“ beantworten, dessen bin ich mir ganz sicher, und ein großer Teil dieser Leute würde mir dabei eiskalt ins Gesicht lügen. Denn ist es tolerant, sich über jegliche andere Menschen lustig zu machen? Ist es nicht vielmehr ein Armutszeugnis, immer und permanent nur hinter anderen herzuhetzen, um von sich selbst abzulenken? Gewiss, wir erleben häufig, dass auch wir in der Masse kaum toleriert werden. Aber gibt uns dies das Recht, uns ebenso zu verhalten, wie die Leute, von denen wir uns unterscheiden wollen? Ich denke nicht! Aber diese Meinung scheinen in meinem Umfeld nicht sonderlich viele zu teilen.

Auch konnte ich in der Szene eine stark ausgeprägte Gruppenbildung beobachten. Aber wir brauchen solche obercoolen Gangstercliquen ja nicht, oder wie war das? Ich stelle mehr und mehr traurigerweise fest, dass sich unser Umgang in eine immer unloyalere Richtung entwickelt, und das ziemlich schnell. Ein Grund dafür mag sein, dass Arroganz für viele pubertäre Mädchen in der Selbstfindungsphase, die sich in der Szene wohlfühlen, ganz groß geschrieben wird. Was diesen natürlich nicht erlaubt, sich mit „minderen“ Wesen unsererseits abzugeben, weil man uns vielleicht einmal ohne Boots in der Stadt gesehen hat.
Auch habe ich immer öfter den Eindruck, dass für den „Einstieg“ in die Schwarze Szene gern das Thema Ritzen/Depression als Grund genannt wird. Soll ich daraus jetzt schließen, dass wir alle nur aufgrund psychischer Probleme die Szene mögen/leben? Diesen Ruf dürften wir mittlerweile jedenfalls genauso weg haben, wie den der Kinderfresser und Grabschänder. Und da Selbstverletzung ja ohnehin ganz cool und die einzig richtige Lösung für Probleme wie Liebeskummer und schlechte Noten ist, müsste ich die Verbreitung von Fotos mit vernarbten Körpern wohl gutheißen. Nur dummerweise tue ich das (Ja, obwohl ich eine Schwarze bin!) nicht. Ich finde es dringend nötig, den Unterschied zwischen einer Lebenseinstellung und einer psychischen Erkrankungen viel öfter zu verdeutlichen. Zumindest bin ich in der Psychotherapie noch keinem Patienten begegnet, der sich darüber gefreut hat, dass alle Welt davon überzeugt ist, er würde sich der Aufmerksamkeit wegen ins eigene Fleisch schneiden. Und ich sollte wohl anmerken, dass ich mit diesen Zeilen nicht abstreiten will, dass auch unter uns psychisch kranke Menschen verweilen, was in dieser Gesellschaft ja nun schon fast an der Tagesordnung und absolut keine Schande ist. Doch ich finde es nicht in Ordnung, wie viele Leute sich Selbstdiagnosen stellen, dann im Selbstmitleid versinken und sich den Körper mit Narben verzieren, weil es halt gerade „in“ ist.

Und an diesem Beispiel der psychischen Erkrankungen wird schon deutlich, dass die Grenze zwischen unserer Szene und dem „Rest“ nicht mehr so klar und deutlich ist. Sie verwischt. Immer und immer wieder höre ich Aussagen, wie: „Ich hasse die Gesellschaft und will kein Teil von ihr sein“. Ob es uns nun passt oder nicht, zur Gesellschaft gehören wir trotzdem. Inwieweit wir das ausleben, zulassen oder uns dagegen wehren, ist jedem Individuum selbst überlassen. Doch was war es denn, was uns abgeschreckt hat? Soweit ich mich erinnere, war es die unsagbar schnell wachsende Konsumgeilheit, die Intoleranz jenen gegenüber, die das Spiel nicht im Sinne der Gesellschaft mitspielen wollten und auch das Streben nach einem eigenen Weg, um nicht immer nur den Spuren der anderen nachzulaufen.
Und was ist daraus geworden? Schon seit Jahren beobachte ich, wie der Konsum auch in unsere Reihen schleicht. Das wird nicht nur mir aufgefallen sein, doch bezeichnend ist, dass sich keiner dagegen wehrte. Der Konsum gehörte auf einmal mit dazu.
Jetzt ist es vielen Gothen genauso wichtig, Markenklamotten zu präsentieren, wie den Prolls, die wir so schrecklich finden. Auch scheinen viele Gedanken immer oberflächlicher und viele Bands geldgieriger zu werden. Wo also sind all unsere Ideale hin? Verschwunden, aus den Köpfen, aus den Herzen? Aber doch unmöglich aus allen! Es kann doch nicht Sinn und Zweck einer Szene sein, sich lediglich anders zu kleiden und ein wenig andere Musik zu hören, als der Rest, wenn wir diesem sonst in nichts nachstehen. Warum machen wir Dinge, die wir ständig kritisieren, nicht einfach anders und/oder besser?

Nun fängt mein Gehirn mit jeder Zeile, die ich hier schreibe, mehr an zu resignieren. Was bringt es denn, sich darüber auszulassen? Mir natürlich erst einmal eine gewisse Befreiung, aber wird das etwas ändern? Eher nicht. Was also kann ich tun, um diese Zeilen nicht einfach nur sinnbefreite Worte sein zu lassen?
Vermutlich werde ich mein innerszenisches Leben weiterhin so offen und kreativ gestalten wie bisher, mich all meinen Interessen (und seien sie noch so untrue) widmen und zum Lachen mit Sicherheit nicht in den Keller gehen! Und zwischen all den dunklen Karten wird weiterhin ein Landschaftsbild hängen, auch meinen uralten Kerzenständer wird kein Totenkopf ersetzen und ich werde weiterhin mein Bett einem Sarg vorziehen.

Guten Tag.

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